Böckem, Nick: Wörterne Brücke über den Abgrund, der zum Himmel führt

Ein Dichter wird umbaumet kühn vergeistert,
Dass jede menschlich´ Schale von ihm sinkt.
Uns Menschsein, das ihn lähmt und erdbekleistert,
Weiß er, wenngleich er nun vom Himmel trinklt.

Vermenscht, ach hemmnisvolle Bürde,
Die Mensch zu Mensche aneinanderstellt.
Wie hoch jemandes Geist auch steigen würde.
Wir bleiben ewig Puppen dieser Welt.

Die Meisten zieh´n auch innerlich nie Kreise,
Weil Leichtbegrifflichkeit schön Leichtes schenkt,
Das Streben abhält von der Himmelreise,
Die einen zwangsläufig zum Abgrund lenkt.

Ein Abgrund ist dies! Alle Oberflächen
Muss man – ganz selbstvergessen und allein
Mit Hinterfragerei beherzt durchbrechen,
Dort enden grelle Bühnenbildnerei´n

Der Dichter blickt verschutzlost in die Gründe,
In denen Schrecken aus der Wahrheit steigt
Und weltumdringende Erkenntnisbünde
Zerfetzen, was sich sonst bequem verneigt.

Im Abgrund ist Erklärung nicht zu Hause,
Nur Antwort nebelt durch den Schwarzkristall.
Die Dichterworte schießen ins Gebrause
und zimmern ihn den Steg durchs Wahrheitsall.

Denn nichts als Worte sind ihn je die Brücke,
Die ihn durch diese Hölle führen kann.
Der Abgrund dieser wahrsten Erdgeschicke
Nimmt allerdings auch Himmelsfarben an.

Bloß dieser Himmel kann mit Geist erfüllen,
Bloß er entgrenzt sein dichterisches Sein
Erkenntnis glimmt nur ohne Erdenhüllen
Im Taumelkampf mit aufgezwung´nen Schein.

Den Schwebestoff mit Schöpferlust verdichten
Zu Worten, die sich sternenhaft umdreh´n,
Zu Sonnen werden, Anmut höchster Schichten,
So webt der Dichter, dass auch wir es seh´n.

Derweil wird uns´re Wahrheitsrüstung rosten,
weil wir den Dichter für verrückt erklär´n.
Er will sein heißes Stück vom Himmel kosten,
Die Welt bestehen in kristallnen Spähr´n.


Wort, du quälend´ Geistesbrücke
Durch die Schlucht der Erdgeschicke,
Sprossen in das Luftschlossleben!
Urstoff in Begriffe weben,
Kann das Herz unsäglich rühren:
Höllen, die zum Himmel führen.